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Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Doch es dominiert eine Meinung, nämlich die Meinung der bürokratischen Konformisten.

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Doch wer von der einen Meinung abweicht, wird als Gegner und Antiliberalist etikettiert.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Doch Gedanken werden zunehmend mit Meinungen vermengt und finden ihren Höhepunkt in voreingenommenen, tendenziösen Berichterstattungen und Diskussionen.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft. Doch statt eines sachlichen und gepflegten Schlagabtausches mit Andersdenkenden dominiert eine vorurteilsbehaftete Diskussionskultur der Diffamierung und Beleidigung.

Wir leben…..

Und es könnte noch unbegrenzt so weitergehen. Ein Widerspruch folgt auf den anderen. Deswegen und um diese eklatante Gegensätzlichkeit zu exemplifizieren, entstand der Vierte Karenztag. Hier sollen unterschiedliche Themen gesellschaftskritisch aus verschiedenen Blickwinkeln näher betrachtet und analysiert werden. Je vielfältiger die Perspektiven, desto besser für den stattfindenden Diskurs - einem Diskurs, der einen kultivierten und vorurteilsfreien Umgang pflegt, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt. Es soll sich somit mit unterschiedlichen Themen nicht meinend, sondern gedanklich und dementsprechend kritisch auseinandergesetzt werden. Insbesondere im Tag 4 soll diesem gerecht werden. Wohingegen das Foyer zum unterhaltsamen Ein- oder Ausklang auf jeglicher Ebene einlädt. Skurriles, Absurdes und Erwähnenswertes finden hier ihren Platz. Jeder ist willkommen mitzumachen und den Vierten Karenztag zum Feiertag zu erheben.

Der Vierte Karenztag.
Krank oder nicht krank?
Bereit und nicht bereit.
Der Tag der Entscheidung.
Für den asketischen Rückzug.
Für die gedankliche Freiheit.
Der Vierte Karenztag.


Meine Universität - Weihnachtsfeier
Basteln und singen mit den Backstreet Boys!

30.12.2017
Was Basteln, Backstreet Boys und Glühwein gemeinsam haben? Sie schweißen zusammen und schüren beim gemeinsamen Einsatz eine nie dagewesene Aversion gegenüber Weihnachtsfeiern an der Universität. Auch in diesem Jahr.

Ich fühlte mich wie auf einer Gute-Laune-Ü-40er-Party. Die Hüften der anwesenden Wissenschaftler schwangen rhythmisch zu den in den Tiefen zwischen Backstreet Boys und Spice Girls versteckten Bassklängen, aus den Lautsprechern ertönte Nick Carters gesungene „Everybooodyy, yeah, yeah!“, was die Tanzwütigen mit einem noch lauteren „Yeah, yeah!“ beantworteten und am Rande der Tanzfläche positionierten sich die desillusionierten Tränen, wozu ich mich zählte, die dem ganzen Geschehen nichts abgewinnen konnten.


Um irgendwie dieses kindergartenmäßige Gehampel und Gekicher zu ertragen, gesellten sich Herr Pils oder Herr Weizen zu uns. So konnten wir besser verstehen, dass es ihre Bravo-Musik aus ihrer Dr. Sommer-Jugend war, die diese nostalgisch, erratisch auftauchenden Erinnerungen in ihnen hervorbrachte. Eigentlich wie bei unseren Großeltern mit Carmen Nebels oder Andy Borgs volksmusikalischer Bespaßung, ging es mir durch den Kopf.

Wie jedes Jahr fand unsere Weihnachtsfeier in einem für einige Stunden im weihnachtlichen Kitsch entstellten Seminarraum unseres Instituts statt, an dessen Verunstaltung ich dieses Jahr teilnahm. Es gab drei mögliche Aktivitäten. Entweder hätte man das Essen für die Feier holen oder an einer vorpubertären Schnitzeljagd teilnehmen können. Beides stellte für mich keine Optionen dar, denn in beiden Fällen hätte man sich durch die mir äußert zuwider empfundene winterliche Kälte durchkämpfen müssen.

Also landete ich in der von Frauen dominierenden Bastelgruppe (die dritte Alternative), die sich direkt voller Eifer und Elan an die Basteleikunst machten. Auf die Scheren fertig los! Hier eine Schere, dort ein Klebestift, hier wiederum ein Stapel buntes Papier. Mit diesen Accessoires entstanden im Nu lauter schöne rote, grüne oder gelbe Papierschneeflocken - einige kleiner als manch andere - die an die vor Kälte beschlagenen Fenster amateurhaft mit Tesafilm angebracht wurden. Das Ergebnis lies sich blicken: ein aus Papier zusammengebastelter Sternenhimmel, der mit dem kindergartlichen in Eigenregie hergestellten Weihnachtsschmuck durchaus mithalten konnte.

Auch die Favoriten unter den Bastelwissenschaftlerinnen, Engel mit Styroporköpfen und Papierflügel, beehrten den Raum, wobei kein Engel dem anderen glich. Mit roten Filzstiften bekam der eine einen lächelnden Mund, der andere einen eher offen-herzlich lachenden Mund, während ihm blaue, braune oder grüne Augen von der wissenschaftlichen Hand als Selbstportrait angemalt wurden - je nach Augenfarbe der Bastelkünstlerin.

Während ich mit den Wissenschaftlerinnen unsere Kindergartenbasteleien fortsetzte beziehungsweise versuchte mich von ihr herauszumanövrieren, indem ich die weihnachtlichen Werke „bewunderte“, vergnügten sich die Männer bei der Schnitzeljagd, auf der sie vom einem Ende des Universitätscampus zum anderen Ende herumliefen. Zwischendurch mussten knifflige Rätsel gelöst (per Anhalter über den Campus fahren) und intellektuell anspruchsvolle Aufgaben (ein Buch aus der Universitätsbibliothek holen) erledigt werden. Am Ende konnten die Lorbeeren ihrer wissenschaftlich herausfordernden Expedition geerntet werden: ein Nikolausbart und eine Weihnachtsmütze.

Nachdem nun endlich unsere weiblichen und männlichen Spieltriebe „enttrieben“, die knurrenden Mägen mit Keulen und Salaten gefüllt, die trockenen Kehlen mit Glühwein befeuchtet und die Ohren mit privatgesprächigen Funkflur belästigt wurden, begann das gemeinschaftlich-besinnlich aufoktroyierte Bespaßungsprogramm, an dem einige selbsternannten Hobbyanimateure in wochenlanger, hochprofessioneller Manier herumgebastelt hatten.

Irgendwann wurden wir aus unseren mehr oder weniger interessanten Gesprächen herausgerissen und eine der Möchtegernbespaßer drängte uns ein Weihnachtsliedraten auf. „Ich gebe jeder Gruppe von euch eine Zeile eines Weihnachtsliedes, das erraten und dann gemeinsam gesungen werden muss“, frohlockte die Elfe mit gekünstelt fröhlicher Stimme.

Mein Tisch, obwohl er der hinterste von den hintersten, noch dazu in der dunkelsten Ecke war, wurde als erstes dran und meine Stimmung sackte prompt in den Keller. Ich gönnte mir einen Schluck des billigen Glühweins und noch bevor ich die Flucht ergreifen konnte, hörte ich schon die ersten Stimmen im Alt frohlockend jauchzen „Kling Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen, kling.“ Mist, dachte ich, und nippte höchst interessiert bis zum Liedende an meinem Becher. War der Becher schon immer rot? Das war mein Widerstand. Passiv, aber immerhin.

Zum Glück kam das Weihnachtsliedraten schneller als gedacht zu seinem jähen Ende. Wir alle seien wohl mit Elfen verwandt, scherzte eine besonders lustige Oberbespaßerin, anders könne sie sich unsere Gewandtheit mit dem weihnachtlichen Musikgut nicht erklären. Deswegen würden die musikalischen Anforderungen nun nach oben geschraubt. Um uns ein bisschen herauszufordern? Ich fragte mich, was das wohl bedeuten könnte und wurde sogleich belehrt.

Ein spiritualistisch, politisch-motiviert angehauchter Lobgesang wurde uns kanonisch eingeführt: „Trommle mein Herz für das Leben/ Singe mein Mund den Frieden, / Dass die Erde heller und wärmer werde.“ Immer lauter, immer ekstatischer, immer extramundaner erklangen diese drei Zeilen durch den Raum. War es der Alkohol oder trafen diese Inhalte das wissenschaftliche Herz? Ich wusste es nicht und weiß es auch heute nicht. Ich auf jeden Fall war erschlagen und hörte nur zu.

An den laienhaften Gesangsversuchen schlossen sich ebenso die schauspielerischen Künste im Kleide des Improvisationstheaters an. Hierzu erkoren drei Schauspielstümper die Fläche vor der einzigen Tür im Raum zu ihrer Theaterbühne. Wahrscheinlich ein lang ausgefeilter, präventiver Plan, der an Perfidie kaum zu übertreffen war. Weit und breit keine Fluchtmöglichkeit. Hätten diese schauspielenden Wissenschaftler uns wenigstens nicht vorher warnen können, dachte ich. Aus Barmherzigkeit? Wenigstens aus Mitleid? Das wird uns doch ständig an Weihnachten gepredigt.

Meine Gedanken, die sich irgendwo zwischen den noch zu tätigenden Weihnachtseinkäufen und Spenglers „Untergang des Abendlandes“ umher tummelten, wurden einige Male durch das für mich unverständliche Gelächter der Anwesenden während der improvisierten Dilettantenaufführung unterbrochen. Was so komisch an sinnlosen ein-, zwei- oder dreiwörtigen Sätzen gepaart mit hektischen, unkoordinierten Bewegungen sei, ist mir bis heute unklar. Vielleicht hatte ich noch zu wenig Alkohol im Blut, ging mir durch den Kopf, bevor ich einen weiteren Schluck Glühwein in mich hineinkippte.

Nehmt das, dachte ich zu mir, während der zimtige Geschmack von Weihnachten gepaart mit einigen Prozenten meine Kehle herunterlief. Das war mein passiver Widerstand. Gegen die kindgerechte Bastelei. Gegen das unaltersgerechte Tanzen. Gegen die aufgezwungene gute Laune. Lakonisch gesagt: Saufen aus Protest.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Doch es dominiert eine Meinung, nämlich die Meinung der bürokratischen Konformisten.

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Doch wer von der einen Meinung abweicht, wird als Gegner und Antiliberalist etikettiert.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Doch Gedanken werden zunehmend mit Meinungen vermengt und finden ihren Höhepunkt in voreingenommenen, tendenziösen Berichterstattungen und Diskussionen.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft. Doch statt eines sachlichen und gepflegten Schlagabtausches mit Andersdenkenden dominiert eine vorurteilsbehaftete Diskussionskultur der Diffamierung und Beleidigung.

Wir leben…..

Und es könnte noch unbegrenzt so weitergehen. Ein Widerspruch folgt auf den anderen. Deswegen und um diese eklatante Gegensätzlichkeit zu exemplifizieren, entstand der Vierte Karenztag. Hier sollen unterschiedliche Themen gesellschaftskritisch aus verschiedenen Blickwinkeln näher betrachtet und analysiert werden. Je vielfältiger die Perspektiven, desto besser für den stattfindenden Diskurs - einem Diskurs, der einen kultivierten und vorurteilsfreien Umgang pflegt, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt. Es soll sich somit mit unterschiedlichen Themen nicht meinend, sondern gedanklich und dementsprechend kritisch auseinandergesetzt werden. Insbesondere im Tag 4 soll diesem gerecht werden. Wohingegen das Foyer zum unterhaltsamen Ein- oder Ausklang auf jeglicher Ebene einlädt. Skurriles, Absurdes und Erwähnenswertes finden hier ihren Platz. Jeder ist willkommen mitzumachen und den Vierten Karenztag zum Feiertag zu erheben.





















                                                                     
                     
 


                                                  
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