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Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Doch es dominiert eine Meinung, nämlich die Meinung der bürokratischen Konformisten.

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Doch wer von der einen Meinung abweicht, wird als Gegner und Antiliberalist etikettiert.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Doch Gedanken werden zunehmend mit Meinungen vermengt und finden ihren Höhepunkt in voreingenommenen, tendenziösen Berichterstattungen und Diskussionen.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft. Doch statt eines sachlichen und gepflegten Schlagabtausches mit Andersdenkenden dominiert eine vorurteilsbehaftete Diskussionskultur der Diffamierung und Beleidigung.

Wir leben…..

Und es könnte noch unbegrenzt so weitergehen. Ein Widerspruch folgt auf den anderen. Deswegen und um diese eklatante Gegensätzlichkeit zu exemplifizieren, entstand der Vierte Karenztag. Hier sollen unterschiedliche Themen gesellschaftskritisch aus verschiedenen Blickwinkeln näher betrachtet und analysiert werden. Je vielfältiger die Perspektiven, desto besser für den stattfindenden Diskurs - einem Diskurs, der einen kultivierten und vorurteilsfreien Umgang pflegt, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt. Es soll sich somit mit unterschiedlichen Themen nicht meinend, sondern gedanklich und dementsprechend kritisch auseinandergesetzt werden. Insbesondere im Tag 4 soll diesem gerecht werden. Wohingegen das Foyer zum unterhaltsamen Ein- oder Ausklang auf jeglicher Ebene einlädt. Skurriles, Absurdes und Erwähnenswertes finden hier ihren Platz. Jeder ist willkommen mitzumachen und den Vierten Karenztag zum Feiertag zu erheben.

Der Vierte Karenztag.
Krank oder nicht krank?
Bereit und nicht bereit.
Der Tag der Entscheidung.
Für den asketischen Rückzug.
Für die gedankliche Freiheit.
Der Vierte Karenztag.


Hyperengagement
Wie engagiere ich mich ohne wirklich engagiert zu sein?
Eine Anleitung für egomanische Möchtegernaktivisten
12.01.2017
Alle engagieren sich oder zumindest die, die etwas von sich halten. Politisch, gesellschaftlich, kulturell. Hier, dort, einfach überall. Egal „wie“, Hauptsache „dass“. Für Martin Bubers „Du“ wollen wir nicht Platz machen, aber für die hungernden Kinder in Afrika schon. Wir leben im Zeitalter des egomanischen Hyperengagements oder Engagement-to-go.

Greise glauben alles. Männer bezweifeln alles. Junge wissen alles.“ Eine kurze, knackige Aussage aus der Entwicklungspsychologie, könnte man meinen. Aber das Zitat stammt von Oscar Wild. Es zeigt die Entwicklung vom Wissen zum Glauben - wenn auch in umgekehrter Reihenfolge. Eine wissenschaftlich fundierte Theorie zur Entwicklung der menschlichen Psyche findet sich aber zum Beispiel beim Neo-Freudianer Erik Erikson. Er versteht den menschlichen Lebensweg als eine Identitätssuche, die sieben Phasen durchläuft. Eine ist die sogenannte Generativität, die um das 30. Lebensjahr verortet ist. In dieser Phase möchte man schöpferisch tätig sein. Entweder in dem man eine eigene Familie gründet oder indem man sich gesellschaftlich engagiert. Kein Wunder also, dass wir im Zeitalter des Engagement-to-go leben. Denn im egomanischen Raum ist kein Platz für Martin Bubers „Du“, für den wirklichen Dialog. Das „Du“ ist einfach zu intim, zu kräfteraubend, zu „ich-erdrückend“ - was man vom gesellschaftlichen Engagement nicht sagen kann. Dieses ist oberflächlich, kräftespendend, „ich-erhöhend“.

Was für ein Glück, dass es Spendengalas gibt! Ein Erdbeben hier, eine Hitzedürre dort. Sofort wird zu Geldspenden aufgerufen und sofort wird eifrig Geld gespendet. Was für ein Glück, dass solche Möglichkeiten staatlich organisiert gegeben sind. Andernfalls könnte man sich ja nicht engagieren. Denn dann wüsste man nicht, wo man sich überall gesellschaftlich engagieren sollte. In den Savannen Afrikas? In den Regenwäldern Costa Ricas? Oder doch eher in den Favelas in Brasilien? Und steht die Örtlichkeit endlich fest, taucht eine weitere Frage auf: Welches Klientel muss gerettet werden? Sind es die armen, hungernden Kinder? Ihre kranken Mütter? Oder doch eher ihre schwulen Onkel?

Ein unendlicher Wust aus Fragen, der einem wie die Faust aufs Auge schlägt. Solange bis das Auge grün, blau, geschwollen und eitrig wird. Und man vor lauter Fragen nichts mehr sehen kann - sowohl mit dem physischen als auch mit dem geistigen Auge. Zuerst Schmerz und Wärme. Danach Blackout, das Licht ist aus. Doch Moment! Mit allerletzter Kraft erblickt das gekränkte Auge etwas. Eine Nummer. Nicht irgendeine Nummer, sondern diese eine Nummer: DIE Kontonummer einer Spendengala. Endlich. Wie viele Menschen starben? Wie viele leiden? Was ist passiert? Ach, das sind doch alles Nebensachen. Es wird zur Spende aufgerufen und nur das zählt. Ein Engagement muss hier sowieso richtig sein, das ist doch selbstredend. Also Kontonummer her, weg mit dem Geld und das Auge ist wieder gesund. Das nächste Ereignis lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

Und wenn solch ein Ereignis eben ausbleibt, kann man sich trotzdem noch mit Minimalaufwand engagieren. Die Idee des jungen Trevor aus dem amerikanischen Film „Das Glücksprinzip“ wirkt doch viel zu anstrengend und zu kompliziert. Man soll drei Menschen etwas Gutes tun, die wiederum etwas Gutes für drei weitere tun und so weiter und so fort. Viel zu anstrengend! Wenn es also gar nicht mehr geht, kauft man für sich und seine Freunde einen Kasten Krombacher Bier und rettet somit den Regenwald. „Puh! Gerade noch Glück gehabt. Der Laden hatte fast geschlossen.“ Sonst wäre es mit dem Engagement nichts mehr geworden. Und das schlechte Gewissen hätte keine Ruhe mehr gegeben. Aber so heißt es nun: Kaufen, saufen, selbstaufopfern. Und alles nur für den Regenwald. Das ist der Wind der Generativität.

Ist man aber kein Bierliebhaber oder hat man etwas mehr Zeit, so kann man auch Kinder unterstützen. Aber bitte nicht seine eigenen oder die in Deutschland lebenden Kinder. Nein, es muss etwas exotisches, fernab von Deutschland sein, wie beispielsweise Kinder aus Afrika oder Indien. Denn ihnen geht es wesentlich schlechter als uns. Und außerdem sind sie doch „so süüüß“. Also werden ein paar Euro aus der eigenen Tasche an das SOS-Kinderdorf gegeben und schon ist man engagiert. Doch wird diesen Kindern von dem Geld je geholfen? Durch wie viele Zwischenstellen sickert das Geld auf fast null durch? Warum interessiert gerade das unsere engagierten Aktivisten nicht?

Egal ob kopflos, ob gedankenlos, ob herzlos. Hauptsache eben engagiert. Denn Engagement ist heutzutage alles. Da kümmert es einen nicht, ob es sinnvoller wäre, seinem eigenen Kind oder dem Nachbarkind mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. Aber diese Option fällt sowieso weg. Denn wer sieht und honoriert dementsprechend das Engagement? Kein Schwein interessiert sich dafür, ob man sich um sein eigenes Kind kümmert oder nicht. Hauptsache es ist ordentlich gekleidet, hat sein eigenes Smartphone und spricht mindestens vier Sprachen. Ob es sich geliebt fühlt oder nicht spielt nur eine Nebenrolle. Diese Form des Engagement fällt von vornherein weg.

Doch was ist mit Goethes Ausspruch, dass jeder vor seiner Haustür kehre und die Welt somit eine bessere werde? Am besten einfach ignorieren. Man macht sich doch nur die Hände schmutzig und leistet sich womöglich noch irgendeinen Fehler, den man ausbaden muss. Da ist die Spende an das SOS-Kinderdorf, das irgendwo in den Steppen Afrikas gelegen ist, wesentlich sauberer. Keine Nachteile, nur Vorteile: Kein direkter Kontakt mit den Leidenden. Keine Opferung der eigenen kostbaren Freizeit. Und keine Konfrontation mit etwaigen Schwierigkeiten. Die eigene gute Laune bleibt unangetastet. Sie bleibt nämlich frei vom Schmutz des Leides, der Armut und des Elends. „Sollen sich ruhig andere hiermit auseinandersetzen“ - mit diesem unangenehmen Part des Engagements.

Das Gefühl Gutes getan zu haben, etwas an die Gesellschaft zurückgegeben zu haben, bleibt jedoch. Und die Konfrontation mit den dreckigen Aspekten des Lebens, wie Leid, Elend und Kummer, oder den Problemen nahestehender Personen (Martin Bubers „Du“), ist auf einige Minuten pro Monat oder pro Jahr beschränkt. Je nachdem, wann man seine Spendenquittung ausfüllt. 1 zu 0 für das SOS-Kinderdorf also. Ganz eindeutig, ohne wenn und aber. Unpersönlich, schnell und sauber. Und für die ganz Ungeduldigen: die nächste Spendengala lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

Aber zum Glück gibt es - wenn auch in dekadenter Form - dieses gesellschaftliche Engagement. Denn wer weiß, wie es sich ohne leben würde? Doch wäre es nicht vernünftiger Goethe zu folgen und sich erstmals um sein persönliches, familiäres Umfeld zu kümmern? Das eigene Ego wird zwar nicht immer von außen lobgepudelt und mit Lob besudelt, aber man tut etwas einmaliges für das „Du“, es findet echte zwischenmenschliche Begegnung statt. Vielleicht ist das die Lösung gegen das Heranzüchten all der in der Welt irrenden Egomanen, Orientierungslosen und Unglücklichen? Außerdem, wer wenn nicht wir, soll mit dem eigenen Dreck am besten umgehen?

Der Egomanietrieb ist anscheinend zu stark. Und was ist das Ergebnis, wenn Egomanie und Generativität aufeinander treffen? Das egomanische Hyperengagement. Ob Falco den Aspekt der Generativität sah, sei dahingestellt, aber Recht, das hat er:

                Die ganze Welt dreht sich um mich,
                denn ich bin nur ein Egoist.
                Der Mensch, der mir am nächsten ist,
                bin ich, ich bin ein Egoist.
                      Falco, Egoist

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Doch es dominiert eine Meinung, nämlich die Meinung der bürokratischen Konformisten.

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Doch wer von der einen Meinung abweicht, wird als Gegner und Antiliberalist etikettiert.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Doch Gedanken werden zunehmend mit Meinungen vermengt und finden ihren Höhepunkt in voreingenommenen, tendenziösen Berichterstattungen und Diskussionen.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft. Doch statt eines sachlichen und gepflegten Schlagabtausches mit Andersdenkenden dominiert eine vorurteilsbehaftete Diskussionskultur der Diffamierung und Beleidigung.

Wir leben…..

Und es könnte noch unbegrenzt so weitergehen. Ein Widerspruch folgt auf den anderen. Deswegen und um diese eklatante Gegensätzlichkeit zu exemplifizieren, entstand der Vierte Karenztag. Hier sollen unterschiedliche Themen gesellschaftskritisch aus verschiedenen Blickwinkeln näher betrachtet und analysiert werden. Je vielfältiger die Perspektiven, desto besser für den stattfindenden Diskurs - einem Diskurs, der einen kultivierten und vorurteilsfreien Umgang pflegt, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt. Es soll sich somit mit unterschiedlichen Themen nicht meinend, sondern gedanklich und dementsprechend kritisch auseinandergesetzt werden. Insbesondere im Tag 4 soll diesem gerecht werden. Wohingegen das Foyer zum unterhaltsamen Ein- oder Ausklang auf jeglicher Ebene einlädt. Skurriles, Absurdes und Erwähnenswertes finden hier ihren Platz. Jeder ist willkommen mitzumachen und den Vierten Karenztag zum Feiertag zu erheben.





















                                                                     
                     
 


                                                  
                                                                                                                                                                    © bertha stein